Bist du eine Ostfrau? Und wenn ja, warum?

Beim Ostfrauensalon in Berlin ist das keine rhetorische Frage. Diesmal hatte Isa Grütering, die Gründerin des Salons, zum Frühstück ins Kulturkaufhaus Dussmann geladen. 

Sabine Rennefanz las aus ihrem Roman Kosakenberg, über eine in Ostdeutschland aufgewachsene Frau, die in die weite Welt zieht und immer wieder in ihren Heimatort zurückkehrt, der eng bleibt. Der Text trifft etwas. Viele Frauen, mit denen ich danach gesprochen habe, kannten das Gefühl der Protagonistin: die Frage, ob Weggehen ein Verrat ist. Und die andere: Wer wäre ich, wenn ich geblieben wäre? 

Was Rennefanz literarisch erzählt, hat die Soziologin Katja Salomo empirisch belegt: Aus Ostdeutschland wandern mehr Frauen ab als Männer. Das schafft einen strukturellen Männerüberschuss – mit Folgen, die sich selbst verstärken. Weniger Frauen, weniger Kinder, weniger Schulen, weniger Geschäfte, weniger Vereine. Längere Wege, dünnere Infrastruktur und damit die nächste Welle Abwanderung. Ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. 

Viele Frauen an diesem Vormittag sind irgendwann weggegangen: für Ausbildung, Studium, Arbeit. Manche sind zurück, die meisten nicht. Aber alle tragen den Osten mit sich. Als Prägung. Als Frage. Als Teil ihrer Identität. 

Was mich beeindruckt hat: mit welcher Energie und welchem Gestaltungswillen diese Frauen in ihren Berufen unterwegs sind. Eine Psychotherapeutin erzählte, wie viele ihrer ostdeutschen Patientinnen erst in der Therapie lernen, die eigene Biografie als Ressource zu sehen statt als Defizit. Eine Modemacherin schafft aus DDR-Stoffresten und alten Mustern etwas Eigenes, mit Nachfrage weit über Berlin hinaus. Eine schamanische Reiseführerin ist überzeugt, dass ostdeutsche Frauen einen besonders direkten Draht zu dem haben, was zählt. Weil das Drumherum lange fehlte. 

Drei Frauen, drei Berufe, drei Lebensläufe. Und doch sofort: Wiedererkennen. Die Verbindung war unmittelbar da, und die Lust, etwas zusammen zu machen. Diesen Machergeist kenne ich von mir und meinen ostdeutschen Freundinnen und ich finde, wir sollten ihn sichtbarer machen. 

Es gibt nicht viele Orte, an denen Ostfrauen miteinander sprechen. Über das, was sie verbindet, trägt, antreibt. Der Ostfrauensalon ist so ein Ort: kein Wettbewerb um die härteste Biografie, sondern echtes Gespräch, Neugier, Vernetzung. 

Ich freue mich, dass es das gibt. Und ich freue mich schon aufs nächste Mal.